Der Aufstieg zum Uhuru-Peak – 1.255 Höhenmeter bis zum Glück (08.10-09-10.2015)

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

Die Nacht wird kurz und kalt. Das wusste ich ja bereits. Meine langen Unterhosen, ein Shirt, eine Fließjacke, sowie eine Mütze + Schlafsack halten mich aber warm. Trotzdem komme ich nicht wirklich gut zum Schlafen. Vielleicht ist es einfach die Aufregung. Das Dach von Afrika greifbar nah und doch liegt noch eine anstrengende Etappe vor einem, die einen noch scheitern lassen kann. Um 22 Uhr hört man die ersten Fanfaren im Lager und somit das Signal für die ersten Leute, die Richtung Gipfel aufbrechen. Für mich gibt das noch 2 Stunden die Gelegenheit ein bisschen Schlaf zu sammeln, bevor es nach einem Frühstück losgehen soll.

Etwas später als vereinbart weckt mich dann Kosmos gegen 0:15 Uhr. Draußen ist es stockdunkel und man sieht in der Ferne oder im Lager einzelne kleine Lichtkegel durch die Nacht irren. Einige davon schon längst auf dem Weg zum Top, andere wiederum gerade am Anfang des Aufstiegs. Draußen ist die Landschaft etwas weißer geworden. Es scheint also noch mal etwas Schnee hinzugekommen zu sein. Wie das den Weg nach oben beeinflusst wird sich zeigen. Es ist auf jeden Fall ordentlich kalt und so ist das Zelt doch ein guter Aufenthaltsort bis zum Start. Zum Frühstück gibt es Keks, Schokoriegel und etwas Tee. Dinge, die mir Energie geben sollen. Um ca. 1 Uhr ist es dann endlich so weit. Ich habe mich so dick wie es geht angezogen und meine Wasservorräte sind voll, es kann losgehen. Noch einmal 5-6 h bergauf, dann ist er hoffentlich bezwungen, der höchste Berg Afrikas.

Es geht los – Der Aufstieg zum Uhuru Peak kann beginnen

Der Anfang des Weges ist geprägt von großen Felsbrocken, die teilweise zu erklimmen sind. Es direkt vorsichtig geboten und ich muss hellwach sein, da es durch den Schneefall hier sehr rutschig geworden ist. Vielleicht nicht das Verkehrteste, denn so kommt der Körper direkt auf Touren. Die ersten 200 Höhenmeter kommen mir trotzdem wie eine Ewigkeit vor. Wir sind hier noch viel alleine unterwegs und treffen kaum andere Bergsteiger. Nach den oben genannten 200 Höhenmetern hört er damit auf. Für mich eine Erleichterung, da es schon demotivieren kann, wenn man denkt, dass man schon viel geschafft hat und dann vielleicht noch 800-900 Höhenmeter vor sich hat.

Der Weg wechselt jetzt in einen Zickzack kurz. Es geht durch eine Schneelandschaft und immer wieder gibt es Stellen, an den man wegrutscht, wie nach dem Prinzip zwei Schritte vor einen zurück. Das Tempo ist nicht extrem hoch aber wir schleichen auch nicht den Berg hinauf. Langsam kommen wir den ersten Gruppen, die vor uns gestartet sind näher. Leider kommen uns auch die ersten Leute, die aufgeben, mussten entgegen. Irgendwie tuen die Leute mir sehr Leid, da sie so kurz vor dem Ziel waren und es doch nicht schaffen werden. Ihnen gehört aber auch mein Respekt, dass sie sagen es geht nicht mehr und keinen falschen Ehrgeiz an den Tag legen. Gesundheit geht doch vor Gipfelbesteigung. Ich hoffe, dass ich am Ende nicht zu einen von ihnen zähle. Bis jetzt gibt es aber keine Probleme. Keine Kopfschmerzen, keine Anzeichen von Schwindel. Nur das Atmen fällt einem etwas schwerer, was natürlich an der Höhe liegt.

Wir ziehen an den ersten vorbei – was aber auch Kräfte kostet

Paul und ich überholen jetzt die ersten Leute. Leider machen nicht immer alle Platz und wir müssen die schon platt getrampelten Pfade verlassen und durch den tiefen Schnee an ihnen vorbei. Eine Prozedur, die natürlich ein paar Körner mehr frisst, doch Hinterherlaufen ist keine Option, dafür ist das Tempo viel zu gering. Jetzt komme ich auch vereinzelt an Personen vorbei, die am Rand sitzen und völlig erschöpft aussehen. In ihren Gesichtern sind die Qualen der letzten Tage zu erkennen. Dies zu sehen schockt mich noch mehr als die Leute, die mir bisher entgegen kamen. Sie scheinen am Ende ihrer Kräfte oder die Höhenkrankheit hat zugeschlagen. Wieder ein beten, dass ich nicht in dieselben Situation geraten werden. Meter um Meter werden gefressen. Das Ziel kommt immer näher.

Wir überholen eine große Gruppe von mindestens 10 Leuten. Mittlerweile sind wir mit Sicherheit über 5.000 Meter. Ich möchte Paul aber nicht fragen. Hier reagiert mein Körper das erste Mal aber auf die Höhenbedingungen. Ich merke, dass wir den Überholvorgang wohl etwas zu schnell angegangen sind und mir wird leicht schwindelig. Gott sei Dank drosseln wir danach wieder das Tempo ein wenig, sodass ein Körper sich ein bisschen erholen kann. Außerdem weiß ich Paul darauf hin, dass ich eine kurze Essens- und Trinkpause brauche. Wieder gestärkt geht es weiter und der Schwindel verschwindet langsam. Jetzt kann ich wieder den Fokus auf das Erreichen des Gipfels legen.

Der Stella Point kommt immer näher – Wettlauf mit der Zeit und dem Sonnenaufgang

Es wird langsam etwas heller und wir brauchen die Kopflampe nicht mehr. Schaffen wir es noch rechtzeitig bis zum Stella Point auf 5.740m, um die ersten Sonnenstrahlen mitzunehmen? Der Anstieg wird immer steiler und somit rutsch ich auch immer mal häufiger weg. Der Weg ist jetzt mühsam, aber ich habe noch genug Energie. Jetzt ist mir eigentlich bereits klar, der Kilimandscharo wird heute bezwungen. Wenig später erreichen wir auch dann die erste große Hürde den Stella Point. Ich habe es geschafft und die Sonne ist noch nicht zu sehen. Das soll sich aber bald ändern und sie verwandelt die Schneelandschaft um mich herum in ein traumhaftes Panorama. Ein wahnsinns Bild, was sich mir hier für kurze Zeit darbietet. Bilder, die in meinem Kopf wohl mein Leben lang verwurzelt sein werden.

Es ist fast geschafft. Der Gipfel ist zum Greifen nahe.
Es ist fast geschafft. Der Gipfel ist zum Greifen nahe.

Jetzt heißt es noch die letzten gut 150 Höhenmeter zu bezwingen. 30-45 Minuten noch und ich stehe wirklich am höchsten Punkt von Afrika. Die Sicht wird jetzt noch mal etwas schlechter, egal. Jetzt zählt nur noch eins, die Spitze erreichen. Meine Klamotten sind mittlerweile alle mit Eis gekennzeichnet. Mit meinem Bart könnte ich ohne Probleme als Weihnachtsmann durchgehen, den dieser ist auch fast komplett weiß. Doch alles interessiert jetzt nicht. Ich will die letzten 150 Meter noch hoch und endlich mein Gipfelfoto.

Es ist vollbracht – Ich stehe auf dem Dach von Afrika – WOOHOO

Nach ca. 40 Minuten, um 7.15 Uhr, blicke ich auf das Gipfelschild mit seinen Gratulationen und Informationen. Ich habe es geschafft und der Körper schüttet alles an Glücksgefühlen aus, was er zu bieten hat. Ein unbeschreibliches Gefühl. In viereinhalb Tagen bin ich mit zahlreichen Anderen von 1.790 Meter Höhe auf 5.895m gewandert. Allen Widrigkeiten, wie dem schlechten Wetter und den anfänglichen Magenproblemen, hat mein Körper gestrotzt und ich bin Stolz auf das Erreichte.

Im Moment der Erreichung des Gipfels geht mein Gedanke auch an meinen Vater, dessen großer Traum es immer war, diesen Berg zu besteigen. Papa ich habe das auch ein Stück weit für dich getan und hoffe Du kannst Dich fast genauso drüber freuen, dass ich es geschafft habe. Selbst wenn Du nicht selber hier bist, hoffe ich, somit vielleicht Deinen Traum zumindest ein bisschen erfüllen zu können. Klar ist es was anderes, wenn man selber hier steht. Trotzdem warst Du auf dem Weg nach oben immer irgendwie bei mir und hast mir vielleicht auch einen Teil der Kraft gegeben, um den Weg bis ganz oben durchzuhalten.

Gipfelfoto und Freudensprünge auf 5.895m

Natürlich gibt es jetzt auch das wohlverdiente Gipfelfoto mit Siegerpose. Dann heißt es aber auch schon wieder Richtung Stella Point aufbrechen, da es empfohlen wird sich nicht zu lange der großen Höhe auszusetzen. Auf dem Weg dorthin springe ich um Paul vor Freude herum. Das Adrenalin lässt für einen Moment die Höhe vergessen und die Freude muss einfach noch mal rausgelassen werden. Der Stella Point dient dann noch mal einer kurzen Fotosession, bevor es dann endgültig ohne große Umschweife bis nach unten zum Barafu Camp geht.

Im Gegensatz zu dem was ich im Reiseführer gelesen habe, geht es nicht über staubiges Geröll, sondern wieder durch die Schneelandschaft rutschend. Teilweise hätte ich mir echt einen Schlitten gewünscht, mit dem Weg nach unten sicher leichter gewesen wäre. Jetzt gibt es doch wirklich lange Rutschphasen. Ich weiß nicht was mir besser gefallen hätte, das Geröll oder der Schnee. Ich komme Paul kaum hinterher, der jetzt wieder Gas gibt, um eine möglichst lange Pause bis zum nächsten Teilabstieg, der heute noch ansteht, zu ermöglichen. Auf dem Weg nach unten kommen uns immer noch zahlreiche Leute entgegen, für die der Tag noch längst nicht vorbei ist. Erschreckendes Negativerlebnis ist dann eine Frau, die von zwei „Guides“ quasi den Berg hochgetragen wird. Sie kann wirklich nicht mehr von alleine gehen und Paul spricht es richtigerweise an, dass es keinen Sinn mache, die Frau noch weiter zu quälen. Meines Erachtens unverantwortlich und lebensgefährlich. Wir konnten nur hoffen, dass die sogenannten Guides auf uns gehört haben.

Ich kann gar nicht mehr sagen, wie lange wir dann insgesamt für den Abstieg gebraucht haben, aber es waren sicher so um die 3 Stunden. Jetzt trifft mich die Erschöpfung mit voller Wucht. Irgendwie habe ich anscheinend nicht genug auf dem Weg nach oben und unten getrunken und es gilt erst mal Wasserspeicher wieder auffüllen und ein bisschen Schlaf sammeln, bevor es zum Mweka Camp weitergeht. Immerhin noch eine Strecke von gut 10km.

Ich brauche eine etwas länger Pause vor dem weiteren Abstieg

Die Sonne ist mittlerweile schon wieder rausgekommen und es ist deutlich wärmer geworden. Nach einem etwas längeren Nickerchen muss ich noch schnell meine Sachen packen und die letzte Etappe von Tag 5 kann angegangen werden. Wer sich jetzt auch wundert, dass er Mweka Camp vorher noch nicht gelesen hat, den kann ich beruhigen. Er hat kein schlechtes Gedächtnis oder irgendwas überlesen. Der Weg nach unten führt einfach nur über eine andere Route nach unten. Die Freude über den Sonnenschein wehrt leider auf dem Abstieg zum Camp nicht lange und der Nebel dominiert wieder das Geschehen. Viel Interesse an einem Ausblick gibt es jetzt eh erst mal nicht, da das primäre Ziel, das Erreichen des Camps ist. Die verlorene Zeit, durch das Mittagsschläfchen holen wir somit auf der Strecke wieder raus und schaffen den Abstieg in 3 anstatt in 4 Stunden.

Ein perfektes Timing, da kurz darauf noch mal ein kurzer Schauer einsetzt, den ich mit meiner Crew aber im Trockenen erlebe. Jetzt gilt es noch mal ein letztes Abendessen zu sich nehmen und eine letzte Nacht im Zelt verbringen, bevor die letzten 3-4 Stunden Abstieg am nächsten Tag anstehen. Das Abenteuer Kilimandscharo geht langsam zu Ende. Ein sichere anstrengende aber auch schöne Zeit. Ein weiteres Highlight meiner Reise, dass ich ganz oben ansiedeln werde. Wer weiß, wann ich noch mal die Gelegenheit bekomme, in solche Höhen vorzustoßen.

Die letzte Nacht auf „dem weißen Berg“ und der letzte Weg bergab

Die letzte Nacht schlafe ich übrigens überragend, was sehr wahrscheinlich aber viel mit der Anstrengung am Vortag zu tun hat. Ich bin aber auch früh genug wach, um noch einmal tolle letzte Bilder vom Kili zu machen. Ein letztes Mal stimmt auch Paul mit seiner Crew das Kilimandscharo Lied ein. Dann gilt es die letzten 10 Kilometer zu bewältigen. Die Müdigkeit vom Vortag ist wie weggeblasen. Ich könnte am nächsten Tag irgendwie wieder eine Tour starten. Was ich natürlich nicht machen werde. Die Akklimatisierung durch den Mt. Meru hat aber auf jeden Fall seine Früchte getragen.

Der Abstieg ist jetzt nur noch ein „Kinderspiel“. Ich bestreite ihn mit Katrin und wir brauchen doch etwas länger, weil wir doch noch das ein oder andere Foto jetzt mitnehmen wollen, von der Natur und den Affen, die wir noch sehen. Quasi noch mal alles vom Berg aufsaugen was noch geht. Der Weg führt größtenteils noch mal durch das Regenwaldgebiet und bildet einen würdigen Abschluss der 6 Tage. Am Mweka Gate angekommen, darf ich mich dann auch in das Buch der Gipfelstürmer eintragen. Außerdem erhalte ich eine Urkunde für das erfolgreiche Erreichen der Spitze. Dann heißt es bye, bye Kilimandscharo.

Es geht zurück Richtung Moshi, wo ich der Crew noch als Dankeschön das Mittagessen ausgebe. Dann heißt es einigen Lebewohl zu sagen. Im Hotelzimmer angekommen, heißt es bis abends dann relaxen und dann noch mal mit Paul und Katrin die erfolgreiche Besteigung des Kilimandscharos zu feiern. Wir gehen in ein Restaurant mit Live Musik, lassen es uns beim Essen und ein paar Bier gut gehen. Es wird sogar ein bisschen das Tanzbein geschwungen, solange uns die Beine noch trugen. Dann heißt es gute Nacht und die Erlebnisse der letzten Tage noch mal richtig verarbeiten.

Dank an die ganze Crew

Ich und die Truppe, die mich auf dem Kili gebracht hat.
Ich und die Truppe, die mich auf dem Kili gebracht hat.

Ich möchte mich hiermit auch noch mal bei allen von ihnen bedanken. Es war ein unvergessliches Erlebnis, was durch ihre Hilfe und Mitarbeit erst ermöglicht wurde. Ein besonderer Dank gilt meinem Guide Paul, der mich immer gepusht hat und mich bestens versorgt und sich um mich gekümmert hat, als es mir mal wegen meines Magens nicht so gut ging. Ich kann ihn auf jeden Fall ohne Bedenken jedem nur weiterempfehlen als Guide für eine Bergtour oder auch für Touren rundum Arusha und Moshi (für seine Kontaktdetails einfach an mich wenden). Ich habe zu keinem Zeitpunkt bereut, die Tour mit ihm gemacht zu haben und stehe mit ihm immer mal wieder im Kontakt. Auch nach der Besteigung haben wir noch einige Sachen unternommen.

Hier noch mal ein typischer Song, wie er von den Leuten bei der Besteigung des Kilimandscharo gesungen wird:

„Kilimanjaro, Kilimanjaro, Kilimanjaro,

Kilimanjaro, mlima mrefu sana.

Na Mawenzi, na Mawenzi, na Mawenzi,

Na Mawenzi, mlima mrefu sana.

Ewe nyoka, ewe nyoka, ewe nyoka,

Ewe nyoka, mbona waninzungukaa.

Waninzungukaa, waninzungukaa, waninzungukaa,

waninzungukaa – wataka kunila nyama.

Kunila nyama, kunila nyama, kunila nyama,

kunila nyama – mlima mrefu sana.“

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