Aus dem Dschungel in ein Dorf der Kuna

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Ich kann es kaum glauben, dass es jetzt schon fast ein Jahr her ist, dass ich meine Reise angetreten habe. Vor einem Jahr war ich noch im totalen Vorbereitungsstress und wusste nicht, was mich auf der Reise erwartet. Jetzt sitze ich auf meiner Couch früh morgens und schreibe diesen Artikel. Neuer Job, neue Freundin, vieles hat sich geändert, seitdem ich wieder zurück bin. Auch wenn man doch wieder im Alltag angekommen ist, schwelge ich gerne in Erinnerungen und die Berichte bringen einen immer wieder zurück an die Orte, die ich noch vor ein paar Wochen und Monaten besucht habe. Wie z.B. die Abreise aus der Rangerstation im Regenwald in ein kleines Dorf mitten im Nirgendwo.

Es ist noch dunkel, als der Wecker von meinem Handy klingelt. Wir müssen früh raus, damit wir es pünktlich zum Bootsanleger schaffen. Meine Sachen hatte ich gestern schon so weit gepackt, den Rest den ich heute früh noch brauchte, verstaue ich jetzt noch in meiner Tasche. Gestärkt durch ein kleines Frühstück stapfen wir los. Es geht den Weg zu Fuß zurückzulegen, auf dem wir vor ein paar Tagen noch mit dem Quad gefahren sind. Isaac stürmt los, als wären wilde Tiere hinter uns her. Ich kann nicht immer ganz Schritt halten. Die Dunkelheit, die Gewissheit, dass ich den Weg nicht kenne und der matschige Boden lassen mich nicht so schnell vorankommen wie ihn. Obwohl es zu dieser Stunde, es ist so gegen halb fünf, noch nicht besonders warm ist im Vergleich zur Tageszeit, komme ich doch relativ bald ganz schön ins Schwitzen. Ich bin froh, dass ich die Stiefel von Isaac habe. Meine Schuhe wären schon nach den ersten Metern, glaub ich, durchnässt gewesen und voller Schlamm.

Die Stiefel laufen voll und es wird so langsam hell

Das soll sich aber wenig später trotz Gummistiefel auch noch ändern. Haben wir auf dem Hinweg noch „bequem“ auf dem Quad gesessen, müssen wir da jetzt so durch. Ich habe es fast auf die andere Seite geschafft und ich könnte schwören, ich bin denselben Weg wie Isaac gegangen, nur mit dem Unterschied, seine Füße waren noch trocken, während meine Stiefel fast randvoll gelaufen waren. Also heißt es erst mal Stiefel aus, Wasser ausschütten und Strümpfe auswringen, zumindest so gut es geht. Jeder weitere Schritt wird jetzt von einem Quietschen begleitet. Es wird langsam hell und die ersten Vögel fangen an zu zwitschern. Wir haben noch ein gutes Stück vor uns. Doch finden wir einen freundlichen Einheimischen, der uns bis zum Haus von Isaac mitnimmt. Hier werden ich dann auch endlich meine Gummistiefel los und kann in meine Schuhe schlüpfen aber nicht ohne vorher noch mal die Strümpfe auszuwringen. Inzwischen ist es auch ganz hell, obwohl die Sonne will sich noch nicht so richtig zeigen. Wir gehen weiter zum Bootsanleger, von wo aus es zurück nach El Real geht und von da weiter nach La Palma.

La Palma ist die Hauptstadt der Provinz Darien und mit sage und schreibe ca. 1.700 Einwohnern die größte Stadt der Region. Wir haben noch ein bisschen was an Zeit, bis unser nächstes Boot weiterfährt und so kehren wir erst mal in einem Restaurant ein, um uns noch etwas zu stärken. Es ist auch noch genug Zeit sich zumindest ein bisschen was in der Stadt umzusehen. Es weihnachtet schon sehr und man sieht immer mal wieder eine Krippe am Wegesrand oder im Eingangsbereich der Häuser stehen. Im Gegensatz zu Deutschland sind diese aber doch sehr bunt und voller Lametta. Wer es mag. Mein Fall ist es auf jeden Fall nicht.

Von La Palma ab ins Kuna Dorf

Schlafhütte im Kuna-DorfVom Anleger in La Palma geht es erst mal raus auf den Golfo de Panama, eh wir in einen kleinen Seitenarm einbiegen. Hier wird das Wasser zu einer richtig braunen Brühe. Wir müssen die Geschwindigkeit immer wieder drosseln, um größeren Ästen und Baumstämmen auszuweichen. Nach ca. 45 Minuten legen wir irgendwo am Rande des Flusses an. Von hier an geht es zu Fuß weiter Richtung Dorf. Der Weg ist überraschenderweise gut gepflastert, wenn auch ein bisschen rutschig. Nach gut 10 Minuten Fußmarsch sehen wir die ersten Hütten des kleinen Dorfes abseits von jedem Luxus, von jeglicher anderen Zivilisation. In unserer Hütte, wo wir die Nacht verbringen werden, sind unsere Zelte bereits aufgebaut. Wir schlafen in einer ähnlichen Unterkunft wie die Einheimischen. Es steht auf Stelzen und hat ein großes Strohdach, das spitz nach oben zuläuft.

Nachdem wir uns etwas eingerichtet haben, mache ich mich alleine auf dem Weg ein bisschen das Dorf auf eigene Faust zu erkunden. Während Isaac was Körperpflege betreibt. Ich habe in Afrika ja auch in einem Dorf schlafen dürfen, doch kann man beides nicht miteinander vergleichen. Privatsphäre kann man auf jeden Fall hier vergessen, dadurch das die Gebäude so offen sind. Auf dem Weg durch das Dorf komme ich mit dem Englisch Lehrer des Dorfes in Gespräch. Auf dem Weg durch das Dorf komme ich mit dem Englisch Lehrer des Dorfes in Gespräch. Er ist hier groß geworden und dann für eine längere Zeit ins Ausland gegangen, um später wieder ins Dorf zurückzukehren und die Kinder zu unterrichten. Ich spreche ihn auch auf einen Saal an, der mir aufgefallen ist bei meinem Weg durch das Dorf, weil er geschmückt ist. Er erklärt mir, dass heute Abend eine Schulabschlussfeier ist und lädt mich ein, dass ich gerne an den Festivitäten teilnehmen kann. Dankend sage ich zu.

Feierlichkeiten zum Schulabschluss

Die Party kann beginnen!Nach dem Gespräch mache ich mich auf den Weg zurück zur Hütte. Schließlich möchte ich mich für die Festivitäten auch noch etwas frisch machen. Wir kommen etwas später zum Platz, wo die Feier steigen soll, doch hier ist noch nichts los. Also gehen wir noch mal zu einem Art Kiosk, um da noch ein Bierchen zu trinken. Auf dem Weg dorthin sitzt eine größere Gruppe vor einer Hütte und schaut auf einen kleinen Fernseher. Erinnert mich irgendwie an Erzählungen von meiner Oma, wo man sich damals zum Fernsehen gucken verabredet hat, da nicht jeder ein Gerät besaß. Am Kiosk angelangt, kommen wir mit dem Polizeichef ins Gespräch. Ob er es wirklich gewesen ist oder er mir einfach eine Story auftischt, keine Ahnung. Er ist auf jeden Fall in Gönner Laune und so trinken wir zusammen ein Bier nach dem anderen, bis wir dann rübergehen. Nicht ohne vorher noch eine Box mit Bier zufüllen. Keine Ahnung, wer das noch alles trinken soll. Ich halte mich auf jeden Fall ein bisschen zurück, da wir am nächsten Morgen noch früh eine Tour durch den Regenwald machen wollen, um Harpyien zu sehen.

Ich halte mich am Anfang noch ein bisschen im Hintergrund von den Feierlichkeiten und lasse Isaac erst mal durch den Saal mit meiner Kamera streifen. Er scheint daran auf jeden Fall gefallen gefunden zu haben. Ich scheine das Interesse eines kleinen Jungens aus dem Dorf geweckt zu haben, denn er kommt immer mal wieder angelaufen und ich mache ein bisschen Blödsinn mit ihm. Dann läuft er wieder weg und kommt nach ein paar Minuten wieder. Später gibt er mir dann die Ghetto-Faust und ohne Angst lässt er sich auch mal vom großem fremden Mann auf den Arm nehmen. 🙂 Sehr cool der Kleine.

Ich habe den südamerikanischen Rhythmus nicht im Blut

Irgendwann traue ich mich auch mal in den Saal. Hier komme ich dann auch in das Gespräch mit ein paar Einheimischen, die etwas Englisch können. Außerdem wird uns noch etwas vom Essen angeboten, was auf der Feier aufgetischt wurde. Sehr lecker und nach dem ganzen Bier auch nicht mal verkehrt etwas anderes in den Magen zu bekommen. So langsam trauen sich die Ersten dann auf die Tanzfläche, auch mein Guide legt eine flotte Sohle aufs „Parkett“.Irgendwann werde ich dann auch von einem der einheimischen Mädchen zum Tanz aufgefordert. Ich schicke schon mal mahnende Worte vorne Weg. Doch das hielt sie nicht davon ab. Wie heißt es so schön in Farin Urlaubs Lied „Ich gehöre nicht dazu“:

„Es gibt Leute die können tanzen.

Ich gehöre nicht dazu

Denn ich hab zwei linke Füße

Tanzen ist für mich tabu“

Ganz so schlimm ist jetzt natürlich nicht, aber irgendwann gibt meine Tanzpartnerin auf. Den südamerikanischen Rhythmus habe ich auf jeden Fall nicht im Blut. Im Gegensatz zu den Dorfbewohnern bewege ich mich dann vielleicht doch eher wie eine deutsche Eiche. 😀 Auch der kleine Mann, der mit mir am Anfang rumgeblödelt hat, ist inzwischen todmüde und hat sich ein Schlafplätzchen auf der Bühne gesucht. Für mich wird es dann auch Zeit Richtung Bett zu gehen, während Isaac noch weiter feiert. Alleine schlafen muss ich auf jeden Fall nicht, denn in unserer Hütte haben sich ganz oben im Dach ein paar Fledermäuse eingenistet, sowie eine kleine Schlange, die auch irgendwie die Pfähle hochgekommen ist, um sich im Strohdach gemütlich zu machen.

Der Weg zum Harpyien

Harpyien im BaumDie Nacht ist sehr kurz, da wir schon so gegen vier aufstehen müssen, damit wir es noch rechtzeitig zum Harpyien schaffen und wieder zurück zum Dorf. Wir wollen nämlich das frühe Boot erwischen, damit wir nicht all zu spät in Panama City ankommen. Der Wecker reißt mich also mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Isaac ist in seinem Zelt noch am schlafen. Keine Ahnung, wann er nach Hause gekommen ist. Ich mache mich auf jeden Fall erst mal fertig, bevor ich den ersten Versuch starte Isaac zu wecken. Er schaut nur auf sein Handy und meinte wir haben noch was Zeit und macht die Augen wieder zu. Die Zeit vergeht und ich starte einen erneuten Versuch. Jetzt schaut er wohl etwas genauer auf die Uhr und ist erschreckt, dass es schon so spät ist. Irgendwie hatte er beim ersten Mal die restliche Akkuleistung als Uhrzeit gelesen. Da war der letzte Abend wohl doch was härter als gedacht. 😀

Nachdem sich dann Isaac auch in die Klamotten geschmissen hat, stürmen wir los, um denjenigen zu wecken, der uns zum Harpyien führen soll. Dieser Vogel ist so was wie das „Maskottchen“ des Dorfes. Der Guide schläft jedenfalls auch noch und muss sich schnell fertigmachen. Mit auch von der Partie sein Hund, der mir später immer wieder vor die Füße läuft. Aber erst mal heißt es raus aus den Schuhen und durch den Fluss. Isaac legt auf jeden Fall ein gutes Tempo vor, dahinter unser Guide und dann folge ich. Der Regenwald bietet eine sehr schöne Landschaft und hat ein bisschen was Mystisches durch den aufsteigenden Nebel. Leider kann ich davon nicht wirklich viele Fotos machen, da ich sonst nicht hinterher komme. Die Bilder sind aber in meinem Kopf. War der Weg am Anfang matschig, wurde er dann immer fester, aber dafür auch enger. Links und rechts von uns waren hohe Gräser und wir müssen immer mal wieder über Äste oder umgekippte Baumstämme springen. Das letzte Stück war dann wieder mehr bewaldet und es ging nun des Öfteren bergauf. Mein banger Blick geht immer wieder Richtung Uhr und ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir es nie rechtzeitig schaffen würden.

Nach Sichtung des Harpyien, den Rückweg in Rekordzeit

Ankunft in La PalmaEndlich schaffen wir es dann zum Punkt, wo sich die Harpyien aufhalten sollen. Jetzt müssen natürlich auch welche da sein, damit der lange Weg nicht umsonst war bzw. wir noch auf einen der Vögel warten müssen, denn das würde bedeuten, dass wir das Boot auf gar keinen Fall schaffen würden. Ich habe Glück und wir entdecken den Vogel oben in einem Baumwipfel. Der Guide imitiert den Ruf des Vogels perfekt, so dass wir nach einem Wechsel der Position einen super Blick auf das Tier haben. Schnell ein paar Schnappschüsse mit der Kamera abgefeuert und dann heißt es schnell den Rückweg antreten. Isaac gibt wieder das Tempo vor, jetzt kennt er ja den Weg. Den Guide lassen wir hinter uns, da er unserem Tempo nicht folgen kann. Sind wir auf dem Hinweg noch schnellen Schrittes gegangen, gleicht es jetzt eher einer Joggingeinheit. War es vorher ein Darübersteigen über die Äste und Baumstämme, wurden sie jetzt wie Hürden übersprungen. Natürlich waren diese eher flach in Bodennähe. Tatsächlich schaffen wir es knapp vor der Zeit, bevor das Boot abfährt zurück ins Dorf. Doch musste ich ja noch den Aufenthalt bezahlen und ich wollte mich ja noch von ein paar Personen verabschieden und Isaac anscheinend auch.

Ich gehe auf jeden Fall schon mal Richtung Boot vor. Den Weg dorthin zu finden, war ja nicht sonderlich schwer. Vielleicht konnte ich, wenn das Boot überhaupt noch da war, ja auch noch ein bisschen Aufhalten bis Isaac dann da ist. Als ich ankam, war an der Stelle, wo das Boot anliegen sollte, auf jeden Fall weit und breit nichts von einem Boot zu sehen. War die ganze Hetzerei also doch vergebens gewesen? Nein Gott sei Dank kam doch noch ein Boot vorbei, dass Isaac und mich mitnahm, sonst hätten wir aufgrund der Gezeiten auf das nächste Boot warten müssen und dann weiß ich echt nicht, wann ich in Panama City angekommen wäre. In La Palma schieße ich dann noch die letzten Fotos von dem Trip. Eine spannende und erlebnisreiche Reise in den Regenwald geht zu Ende. Die Großstadt ruft wieder, zumindest für ein paar Tage.

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